BVNF: Die Neurofibromatose ist eine wenig bekannte Erkrankung und bei vielen Neurofibromatose-Patienten vergehen Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Woran liegt das?

Prof. Dr. Victor-Felix Mautner: Obwohl Neurofibromatosen mindestens genauso häufig auftreten wie das Down-Syndrom, sind die Neurofibromatosen Typ 1 und Typ 2 (NF1 und NF2) im Bewusstsein der Ärzte und der Öffentlichkeit viel weniger gut verankert, weil es sich um Erkrankungen mit vielen "Gesichtern" (Symptomen) handelt, die in ihrem Auftreten sehr variabel sind. Vom Verdacht auf eine Neurofibromatose, der beim Vorliegen vieler Café-au-Lait-Flecken gegeben ist, bis zum Auftreten des häufigen Zweitsymptoms, den "Sommersprossen" in den Achselhöhlen, vergehen meist einige Jahre. Somit bedarf es in diesem Zeitraum der Überwachung des Kindes auf alle möglichen assoziierten Merkmale, die bisher allerdings noch unzureichend im Bewusstsein der Ärzte gegenwärtig sind.

Schließlich gibt es eine Vielzahl von Patienten, bei denen die Diagnose erst gestellt wird, wenn ernsthafte Probleme auftreten.

BVNF: Man unterscheidet die beiden Erkrankungen Neurofibromatose Typ 1 und Typ 2. Was sind jeweils die typischen Krankheitssymptome?

Prof. Mautner: NF1 und NF2 sind in der Regel durch das Auftreten von altersgebundenen Symptomen charakterisiert: In der Kindheit findet sich eine allgemeine oder eine teilweise Entwicklungsverzögerung, motorische Bewegungsabläufe wirken schwerfällig (tapsig) und umständlich, Gleichgewichtsstörungen können z.B. beim Erlernen des Fahrradfahrens auffallen. Häufig haben die Kinder Schwierigkeiten, gedanklich vorbereitete Vorgänge in praktische Handlungen umzusetzen. Lernstörungen werden bei bis zu 50% der Kinder mit NF beobachtet. Dem gegenüber spielen Tumorbildungen im Bereich des Sehnervs (Optikusgliom), Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) oder Falschgelenkbildung (Pseudarthrose) zahlenmäßig eine relativ untergeordnete Rolle, wenngleich diese Veränderungen schwerwiegender sein können.

Im Jugend- und Erwachsenenalter sind die herausragenden Symptome zweifellos Neurofibrome der Haut. Daher wurde früher auch der Begriff der "peripheren Verlaufsform" benutzt, weil NF1 durch Tumorbildung der peripheren Nerven gekennzeichnet ist. Allerdings ist diese Bezeichnung nicht korrekt, da NF1-Betroffene sowohl im Kindes- und Jugend- als auch im Erwachsenenalter Tumorbildungen auch im Bereich des zentralen Nervensystems aufweisen können (Wirbelsäule und Gehirn).

NF2 ist dagegen durch das Auftreten von Tumoren im zentralen Nervensystem geprägt. Kinder mit NF2 weisen häufig als Erstsymptome Schwannome der Haut sowie ophthalmologische Symptome (Fehlsichtigkeit und Schielen) auf. Etwa zwischen dem 10. und 25. Lebensjahr treten klinische Beschwerden durch Tumorbildung im Bereich der Hörnerven wie etwa Schwindel, Gleichgewichtsstörungen oder Hörbeeinträchtigung auf.

BVNF: Welche Probleme/Symptome machen Patienten mit Neurofibromatose Typ 1 bzw. Neurofibromatose Typ 2 am meisten zu schaffen?

Prof. Mautner: Neurofibromatose Typ 1 ist eine bisher in ihrem Verlauf nicht vorhersehbare Erkrankung. Dies ist für die Betroffenen und deren Angehörige eine große Herausforderung und Belastung.

Es gibt zweifellos eine Vielzahl von Menschen, die die genetische Veränderung des NF1-Gens aufweisen, ohne dass wesentliche gesundheitliche Einschränkungen auftreten. Man kann sagen, dass etwa 60% der Betroffenen keine gravierenden gesundheitlichen Probleme haben, 20% beherrschbare gesundheitliche Probleme aufweisen und 20% nicht erfolgreich zu behandeln sind.

Lernschwierigkeiten und motorische Defizite sind für Kinder und deren Familien die häufigsten Belastungsfaktoren. Dagegen treten Tumoren im Bereich der Sehbahn, plexiforme Neurofibrome oder eine Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung) insgesamt seltener auf, sie können jedoch für den Betroffenen eine wesentlich größere Bedeutung haben. Im Erwachsenenalter ist das Wachstum von Neurofibromen der Haut der häufigste Belastungsfaktor.

Für Neurofibromatose Typ 2 gilt, dass sich in der Regel klinische Symptome erst nach der Pubertät zeigen, wenn erste Beschwerden aufgrund des langsamen Wachstums der Hörnerv-Tumoren auftreten. Für NF2-Betroffene sind zweifellos die vielen Tumoren im Bereich des Gehirns und der Wirbelsäule, die zur Ertaubung, Verlust von Hirnnervenfunktionen und Querschnittslähmung führen können, und die damit verbundenen wiederholten Operationen die wesentlichen Belastungsfaktoren.

BVNF: Die Neurofibromatosen zählen zu den Erbkrankheiten. Wie groß ist das Risiko, dass das Kind einer an Neurofibromatose erkrankten Mutter und eines gesunden Vaters ebenfalls an einer Neurofibromatose erkrankt?

Prof. Mautner: Die Erkrankung tritt mit einer Häufigkeit von etwa 1:3000 bis 1:4000 auf. Das heißt, dass in der Bevölkerung jedes 3000. bis 4000. Kind ein so genannter Träger der genetischen Fehlinformation ist. Wenn ein Elternteil diese Fehlinformation aufweist, besteht ein 50%iges Risiko, diese zu vererben. Laut einer kürzlich in Deutschland durchgeführten Studie tritt die genetische Fehlinformation (NF1) mit einer Häufigkeit von 1:2900 auf.

BVNF: Wie ist es zu erklären, dass die Neurofibromatose so unterschiedliche Verlaufsformen zeigt – selbst innerhalb einer Familie?

Prof. Mautner: Als wahrscheinlichste Ursache für dieses Phänomen wird heute das Bestehen von genetischen Interaktionen angesehen. Dies bedeutet, dass die eigentliche genetische Fehlinformation (Mutation auf dem Chromosom 17 für NF1) in ihrer Funktion durch andere genetische Informationen verändert werden kann. Darüber hinaus wird bei NF1 und NF2 auch eine so genannte Mosaikbildung beobachtet: hier tritt die genetische Fehlinformation nicht in allen Körperzellen auf. Wenn nur ein geringer Teil der Körperzellen betroffen ist, können die Anzeichen der Erkrankung ebenfalls nur gering ausgeprägt sein.

BVNF: Eine junge, an Neurofibromatose Typ 1 erkrankte Frau kommt zu Ihnen und möchte wissen, mit welchen Risiken sie bei einer potenziellen Schwangerschaft für sich und ihr Kind rechnen muss. Was sagen Sie ihr?

Prof. Mautner: Ein erhöhtes Risiko bezüglich einer Schwangerschaft besteht für eine von NF1 bzw. NF2 betroffene Frau im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung nicht. Eine etwas höhere Rate an Fehlgeburten ist jedoch nicht auszuschließen. Selten kann die Schwangerschaft durch Tumorbildung im kleinen Becken (Unterleib) kompliziert werden, wenn hier bereits vor Schwangerschaftsbeginn ein Neurofibromwachstum nachweisbar ist.

Ein weiterer Belastungsfaktor für die Schwangere ist das möglicherweise verstärkte Auftreten von Neurofibromen der Haut.

BVNF: Heilung ist bei Neurofibromatosen bisher nicht möglich. Wie können die körperlichen Veränderungen der betroffenen Patienten behandelt werden?

Prof. Mautner: Neurofibrome können in aller Regel durch sorgfältige kosmetisch-plastische Intervention unter geringer Narbenbildung entfernt werden. Dies gilt teilweise auch für die so genannten plexiformen Neurofibrome, die jedoch bei infiltrativem, d.h. tief nach innen dringendem Wachstum nur bedingt organerhaltend operabel sind. Komlikationen wie beispielsweise Skoliose, Optikusgliome oder Tumoren der Nebenniere müssen von Ärzten der jeweiligen Fachdisziplinen operativ oder mit geeigneten anderen Maßnahmen behandelt werden.

BVNF: Neurofibromatose-Betroffene weisen nicht nur körperliche Symptome auf, viele Kinder und Jugendliche leiden auch an Lernschwierigkeiten, psychomotorischen Entwicklungsverzögerungen und/oder am so genannten Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS/ADHD). Wie können diese Störungen behandelt werden?

Prof. Mautner: Am Anfang der Behandlung einer solchen Störung steht deren Definition, Einschätzung sowie Einordnung.

Hat das Kind eine so genannte globale Entwicklungsverzögerung? In diesem Fall sind nicht nur die Meilensteine der körperlichen Entwicklung verzögert, sondern auch der mentale Entwicklungsstand. Handelt es sich wirklich um ein Reifungsdefizit? Welche intellektuellen Kapazitäten hat ein Kind? Welche positiven Eigenschaften und Fähigkeiten sind zu beobachten? Liegt auch eine Störung im sprachlichen Bereich vor? Besteht eine so genannte Aufmerksamkeitsstörung?

Wenn diese Fragen ausreichend beantwortet sind, kann eine diagnostische Einschätzung erfolgen und es lassen sich entsprechende Therapien zuordnen.

Ergotherapie, Psychomotoriktraining und/oder Krankengymnastik sind Wege, um die Vernetzung von Abläufen im Gehirn zu den ausführenden Organen zu verbessern. Sportliches Training wie Trampolinspringen und Hantelarbeit sind zur Aktivierung der Muskulatur bei mangelnder Muskelanspannung (Muskelhypotonie) hilfreich. Logopädie zum Training des Sprachvermögens ist sinnvoll. Aufmerksamkeitsstörungen können mit Verhaltenstraining oder Stimulanzientherapie behandelt werden.

BVNF: Mit welchen Themen befasst sich die aktuelle Neurofibromatose-Forschung?

Prof. Mautner: Neurofibromatose-Forschung spielt sich heute auf diversen Gebieten, Ebenen und in Zusammenarbeit verschiedenster Fachrichtungen ab.
Klinische Symptome und deren Entwicklung sind nur zu verstehen, wenn die Ergebnisse der Untersuchung großer Patientengruppen zusammengeführt werden. Dies geschieht momentan in großen internationalen Studien. Ein Beispiel ist die Erfassung des Wachstumsverhaltens der plexiformen Neurofibrome, die über viele Jahre hinweg radiologoisch vermessen werden. Dies gilt auch für die Akustikusneurinome, die in ihrem Wachstum seit einigen Jahren dokumentiert werden. Studien dieser Art sind die Grundlage für die Durchführung von Medikamentenstudien, weil in diesen erstmalig der natürliche Wachstumsprozess der Tumoren quantitativ erfasst wird. Derzeit wird beispielsweise in den USA die Wirksamkeit von zwei medikamentösen Substanzen zur Behandlung von plexiformen Neurofibromen überprüft.

Von genetischer Seite wird weiterhin daran gearbeitet, die genetischen Veränderungen im NF1- und NF2-Gen vollständig zu erfassen und mit der klinischen Ausprägung der Merkmale in Beziehung zu setzen. Schließlich spielen die Bemühungen, die genetische Diagnostik zu verbessern und effizienter zu gestalten, weiterhin eine große Rolle.

Zellbiologische Untersuchungen haben sowohl bei NF1 als auch bei NF2 einen festen Platz gefunden. Diese erlauben die Untersuchung des Zusammenspiels der verschiedenen Zelltypen, deren Abnormitäten sowie die Überprüfung von medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten. Von biochemischer Seite geht es darum, die Funktion des NF1- und NF2-Gens und damit auch die Genprodukte besser zu verstehen.

BVNF: Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die zu neuen, möglicherweise kausalen Therapieansätzen führen könnten? Welche Rolle wird in Zukunft die Gentherapie spielen?

Prof. Mautner: Die zur Verfügung stehenden Therapieansätze beziehen sich jeweils auf die Einzelsymptome einer Neurofibromatose. Die Behandlungsmöglichkeiten sind heute noch immer in aller Regel chirurgischer Natur. Die einzige überzeugende und überprüfte wirksame medikamentöse Therapie bezieht sich auf das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit Stimulanzien im Kindesalter. Medikamentöse Therapieansätze werden derzeit für Patienten mit plexiformen Neurofibromen im Kindes- und Erwachsenenalter geprüft. Kausale Therapien, d.h. solche, die die Erkrankung "an der Wurzel des Übels" ergreifen, sind erwogen worden. Wann diese zur Überprüfung kommen, lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen. Beispielsweise ist eine Methode zur Korrektur der genetischen Fehlinformation bei NF1 und NF2 als schlüssiger Therapieansatz in Erprobung, jedoch bedarf es einer weiteren Verbesserung der Methode, um die erhofften Behandlungserfolge zu erreichen.

BVNF: Sie sind Vorsitzender vom Bundesverband Neurofibromatose, die sich u.a. für die Verbesserung der medizinischen und psychosozialen Betreuung der NF-Patienten engagiert und auch die NF-Forschung fördert. Welche Unterstützung wünschen Sie sich für den BVNF?

Prof. Mautner: Dem Bundesverband Neurofibromatose ist es im vergangenen Jahrzehnt gelungen, Informationsmaterial über NF für Betroffene und Ärzte zu erstellen und zu verbreiten. Die Infrastruktur der klinischen Versorgung ist in Deutschland recht gut etabliert, wenngleich diese in Ostdeutschland nicht flächendeckend ist. Selbsthilfeaktivitäten, Kontaktbüros, Jahrestagungen und Seminare geben den Rahmen für Weiterbildung und Informationsaustausch. Fraglos erleben Eltern mit betroffenen Kindern und betroffene Erwachsene noch immer Odysseen, bis ihnen sachgerechtes Informationsmaterial zur Verfügung steht und sie in die Hände von Ärzten gelangen, die Erfahrung in der Betreuung von Patienten mit NF besitzen.

Auf dem Weg, dieses Problem zu überwinden, brauchen wir weiterhin Unterstützung. Professionalisierung von Öffentlichkeitsarbeit und verbessertes Sponsoring bilden wesentliche Elemente, die nur bedingt aus eigener Kraft erweitert werden können. Die VRG ist heute im bescheidenen Rahmen in der Lage, sich selbst zu tragen. Die Unterstützung von Forschungsaktivitäten - wie sie satzungsgemäß festgeschrieben ist - kann nur sehr eingeschränkt erfolgen. Mehr Beiträge, die diese Anliegen fördern, wünschen wir uns sehr.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Victor-Felix Mautner Prof. Dr. Victor-Felix Mautner

Bundesverband Neurofibromatose
Martinistraße 52 / Haus O54
20246 Hamburg

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